Kategorie: Allgemein

  • Identität: Erfahrungsoffenheit oder Selbst-Etikettierung

    Wie gewinne und wie erlebe ich meine Identität?

    Es gibt einen riskanten und fluiden, im Ergebnis aber starken und stabilen Weg:

    Das Abenteuer der Erfahrungs-Identität

    Nicht durch Nabelschau, sondern durch den Blick und die Sprache der Anderen erfahre ich, wer ich bin. Die „Zwischenergebnisse“ meiner Identität können sein: lieb, begabt, wild, sympathisch, „ein Sonnenschein“. Oder aber auch: langweilig, schüchtern, quengelig, „wenn das mal kein Versager wird“. Und: ein Mädchen, ein richtiger Junge. Die Identitätszuschreibungen durch Andere können belebend, beglückend sein. Sie können mich aber fixieren, „feststellen“, können sich als langfristig wirksame selbsterfüllende Prophezeiungen erweisen. Sie können mich auch stigmatisieren und ausgrenzen. Immer besteht die Gefahr einer Erstarrung. Dieser Gefahr entgehe ich dadurch, indem ich Kontakt zu jenen suche, die mir einen neuen Spiegel vorhalten können. Das Win-Win-Spiel der Dialoge, der Überschwang, in dem Menschen, die sich mögen, sich gegenseitig viel übereinander mitteilen, neugierig, experimentell, einladend und großzügig: erotisch. Ich erlebe Selbsterkenntnis und Identität als ein verwandlungs-offenes Abenteuer; ich entwickle und kultiviere die Fähigkeit, meine Antennen auszufahren und mich dem anderen anzuverwandeln.

    Es gibt aber auch die Möglichkeit, den bewegenden Erfahrungen aus dem Weg zu gehen: 

    Sicherheit durch Selbstetikettierung

    Ich erlebe das Feedback der anderen als falsch, kränkend, demütigend, stigmatisierend. Ich fühle mich verkannt und suche und finde eine Identität, die zu mir passt und die ich annehmen kann, auf die ich stolz sein kann. Ich finde Leidensgenoss*innen und verschanze mich mit ihnen in der Wagenburg unserer gemeinsamen Identität. Wir sind eine geschlossene Gruppe mit Einlasskontrolle und Loyalitätsdruck. Um welche Identitäten kann es sich dabei handeln? Deutsch, schwul, hetero, Incel, weiß (Hautfarbe), PoC, Transperson, ADHS und andere Norm-Abweichungen. Oder ein religiöses Bekenntnis. Können wir zwischen diesen sehr verschiedenen Themen wirklich diese Parallele ziehen? Sehr fraglich. Es sind gewiss sehr unterschiedliche Erfahrungsbereiche und Haltungen. Trotzdem: Das Gemeinsame könnte sein, dass ich diese Identitäten nicht als berührende Erfahrung erlebe und erleide. Sondern ich nehme mir die Identität als Etikett, als Schablone, als Schublade, in die ich reinpassen möchte, als Krücke die mich stützt.

    Die These ist, dass in diesen Identitäten „der Wurm drin ist“. Dass sie, obwohl ich sie ein Leben lang aufrechterhalten kann, dennoch chronisch instabil, irgendwie hohl, irgendwie nicht richtig real sind. Denn: Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis, erlebe ich immer durch Andere. Oder eben nicht, wenn ich vor den Kontakten zurückscheue, die mich berühren und erleuchten könnten.

    Gesellschaftlich kann es ein Problem werden, wenn die Unberührten und Erkenntnis-Armen den erotisch Erfolgreichen ihre Erkenntnis- und Verwandlungs-Spiele missgönnen und verbieten wollen. Wenn unerotische Erstarrung und Zugehörigkeits-Identitäten zum gesellschaftlichen Zwang werden.

    Robert Ulmer, April 2026