Es passiert etwas in unserer Gesellschaft. Werte im gemeinsamen Umgang, die wir als Basis unseres Zusammenlebens gesehen haben, werden offen in Frage gestellt. Forderungen, die für einen Teil der Menschen absolut berechtigt und als von allen akzeptierter Konsens erscheinen, werden von anderen Teilen als überzogen, spalterisch, utopisch, konservativ, realitätsfern oder Schlimmeres bezeichnet. Wie sollten wir als queere Gemeinschaft reagieren, um unser zukünftiges Zusammenleben zu verbessern?
Die Bewegung zur Sichtbarmachung und Akzeptanz queeren Lebens war nie eine geschlossene homogene Front des Fortschritts gegen ein einseitig böses Establishment. Magnus Hirschfeld hat mit seinem Institut für Sexualwissenschaft einen ersten Ort geschaffen, an dem sexuelle Realität queerer Menschen erstmals wissenschaftlich dokumentiert wurde. Aber er trat – ganz im damaligen Zeitgeist – auch für Eugenik ein und wollte die Erkenntnisse der Biologie auch für die freiwillige Verbesserung des Erbguts der Menschheit einsetzen. Der Stonewallaufstand in New York war ein Aufstand gegen die Ungleichbehandlung von Menschen, die verhaftet wurden, weil sie die damaligen Regeln des öffentlichen Anstandes verletzten – Männer küssen sich, Menschen tragen Kleidung des „anderen“ Geschlechts. Doch das Stonewall Inn in der Christopher Street war von der Mafia betrieben und hatte keine offizielle Schanklizenz. Und 4 Jahre nach dem Aufstand durften in der daraus hervorgegangenen Gay Liberation Front Transpersonen nicht mehr Mitglied sein.
Im heutigen Deutschland erleben wir so viele CSDs wie noch nie. Die Community erkennt ihre vielfältigen Strömungen an und mahnt, auch deren Bedürfnisse nach Gleichberechtigung und Teilhabe zu erfüllen. Doch diese Vielfältigkeit weckt auch Zurückhaltung bei einem Teil der Community, wenn sich gemeinsame Regeln immer wieder ändern können und Bedürfnisse nach Ankommen, Dazugehören und Ruhe mit dem nach Weiterentwicklung und Akzeptieren sich ändernder gesellschaftlicher Realitäten kollidieren.
In dieser Situation erlebt ein Teil der Community den politischen Rollback – sicher geglaubte Erfolge der queeren Bewegung werden in Frage gestellt oder zurückgenommen. Andere Menschen beschreiben ihr Erleben als „Verqueerung“, wenn queere Sichtbarkeit immer weitere Teile des gesellschaftlichen Zusammenlebens betrifft und selbst private Rückzugsorte im Sport oder Verein Fragen nach Sprache und Inklusion beantworten müssen. Diese Themen sind dann in unserer kurzlebigen TikTok-Medienlandschaft, bei der Aufmerksamkeit und Aufregung durch kurze Handyvideos das höchste Gut sind, herrlich geeignet, um unterschiedliche Menschenströmungen gegeneinander aufzubringen. Auch die Plenarsäle der Politik sind keine Orte mehr, um über unterschiedliche Realitäten und Bedürfnisse zu diskutieren, sondern Gelegenheiten, Algorithmusfutter für die sozialen Medien zu erzeugen. Politiker sind keine Architekten des Allgemeinwohls, sondern Content Creator und Aufmerksamkeitsjäger im Dienste der jeweiligen Partei und Strömung.
Doch ist dieser Rollback oder die „Verqueerung“ überhaupt real? Oder sind das tatsächlich vor allem spalterische Narrative, die gut in unsere heutige Gesellschaft mit digitalen Medien als wichtigste Unterhaltungs- und Informationsquelle passen? War es nicht schon immer so, dass sich Gesellschaften verändert haben – nicht linear, sondern mal in die eine, mal in die andere Richtung? Wo sind heutzutage die Orte, an denen wir den Realitäten anderer Menschen zuhören und offen dafür sind, dass ihre Bedürfnisse und Ängste Respekt verdienen und gehört werden? Wo ist der Platz, an dem gesellschaftlicher Konsens gebildet wird, wenn die Algorithmen der sozialen Medien nur noch die Dinge zeigen, die im eigenen Selbstbild Resonanz erzeugen? Die Antwort kann eigentlich nur im realen Austausch zwischen realen Menschen liegen. Wir sollten darüber nachdenken, wo solche Orte der Begegnung und des Austausches zu finden sind und wie wir diese nutzen und fördern können, um unsere demokratische Gesellschaft zu bewahren. Zuhören, ohne zu bewerten, Diskurs auf Augenhöhe und akzeptieren, dass auch wir selbst – wie alle Menschen, die vor uns da waren und nach uns noch kommen werden – nicht perfekt sind und unsere gefestigten, wohl begründeten und akzeptierten Meinungen auch falsch sein können. Grenzen der Toleranz, aber auch der Intoleranz gehören ausdiskutiert, damit wir als Gesellschaft zusammenleben können.
Roland Becker, Mai 2026
